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Denkmal

Leider habe ich keine ordentliche Erzählung von meiner Reise nach Patagonien parat. Das Wort ist mir schon zu groß. Es klingt nach Arkadien, Atlantis, El Dorado und anderen Sehnsuchtsorten der Menschheit.

 

Ein Paradies ist die Gegend im Süden von Argentinien und Chile aber nicht. Die vielen Schafe und wenigen Rinder grasen auf einer Fläche von ungefähr Deutschland herum und haben Mühe, ihr Gewicht zu halten. So schien es mir. Lecker Wiese sieht jedenfalls anders aus. Das Lamm schmeckte aber sehr gut. Ich will hier deshalb nicht das Bild vom herzigen Baby-Schaf malen. Das käme mir brutal und unmenschlich vor. Kein Respekt vor der Schöpfung. Ihr wisst schon.

 

Wohnen tut in der weiten Landschaft auch kaum ein Mensch. Es gibt nur so viele wie nötig sind, um die Touristen zu den Gletschern zu bringen. Dazu Personal für das Geschäft mit Bett, Abendbrot und Funktionskleidung.

 

Vor dem Gletscher bin ich dann aber fast gläubig geworden. Mit typischen Anzeichen religiöser Erweckung. Wie ich mir das so vorstelle: Atemnot, Gehirnstillstand, Lähmungserscheinungen. Begriffe wie Demut und höhere Ordnung fallen mir ein. Sonst kommt mir kein Wort in den Sinn. Kein angemessenes jedenfalls.

 

Die Benommenheit ließ glücklicherweise bald nach. Nicht auszudenken, welche Verheerung diese geistige Kehrtwende in meinem Umfeld ausgelöst hätte. Tatsachen helfen aber erfahrungsgemäß, vom Reiz des Wundergleichen abzulenken. Unsere Tour-Leiterin hat berichtet: 95% des Wassers auf der Erde ist Salzwasser, nur 5% ist lebensnotwendiges Süßwasser. Davon sind 70% in Eis und Schnee, also Polen und Gletschern gebunden. Der Gletscher Perito Moreno ist noch im Gleichgewicht. Die Gletscher Upsala und Spegazzini schrumpfen.

 

Ich gebe zu, mir war trotzdem eine ganze Weile heilig zumute. Vielleicht sollte es neue Gebote geben, dachte ich heimlich. "Du sollst keine Gletscher schlachten" zum Beispiel. "Beschränke Flugreisen auf das Notwendige" ging mir auch durch den Kopf. Der Satz will aber nicht richtig drin bleiben. Zu lästig.

 

Götter und Märkte werden uns nicht retten. Das steht schon mal fest. Genau wie es Unheil bringt, wenn man Geschenke vor dem Geburtstag auspackt.

 

Foto: Susanne Hammerschmidt

 

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