28. März 2020
Rechnerisch und gesellschaftlich könnte die Epidemie ein echter Glücksfall sein. Jedenfalls bei maximaler Kälte in der Vorratskammer für alten Krempel. Werte und so. Ich bete sie nicht alle runter. Man gerät schnell in Verdacht heutzutage. Wer will schon ein trotteliger Gutmensch sein. Für die Zukunft westlicher Gesellschaften könnte die Krise sogar wegweisend sein. Wir werden weniger, jünger und weiblicher. Was will man mehr? Schluss mit den vielen Alten, Kranken und sonstwie...
19. März 2020
Alle haben Klopapier, nur ich nicht. Jetzt müssen die teuren Tempotaschentücher herhalten. In meinem Dorf kann man die Rolle für 1,50 am Automat ziehen. Da waren früher belegte Brötchen drin. Da seht Ihr mal, aus was für einem pfiffigen Stall ich komme. Ich glaube, wir Deutschen sind auf eine geheimnisvolle Weise anal drauf. Irgendwie arschig. Das merkt man auch bei den Schimpfwörtern. Andere Länder haben's eher mit Körperteilen, die der Fortpflanzung dienen. Gäb's keine...
24. Februar 2020
Karneval ist eine total bekloppte Veranstaltung. Von außen betrachtet. Von Hamburg, Berlin und Hildesheim herab gesehen. Dass kulturgeschichtlich vor der Fastenzeit die Sau rausgelassen wird, ok. Aber das Dreigestirn? Die Geschichte mit den heiligen drei Königen ist schon schwierig genug. Doch Prinz, Bauer und Jungfrau als Hofstaat? Wo ist da um Himmels Willen der Zusammenhang? Dazu die Prinzenproklamation im Gürzenich. Das klingt nach einer Geschichte der Augsburger Puppenkiste mit dem...
28. Januar 2020
Das ist jetzt sehr geheim, aber wichtig: Gebt Ihr einfach so das Wort Depression bei google ein? Ohne nachzudenken, nur weil man jemanden kennt. Und wie sieht’s aus mit Amok, Fifty Shades, Sarrazin oder Nolde? Obwohl hinter dem Eingabefeld einer sitzt und die Suche nach Blutwurst, Russisch Roulette und Handke mitschreibt? Der das Leben der anderen protokolliert. Mir egal, ob der Aufpasser pervers ist oder Algorithmus heißt. Die Formel kennt mich nicht persönlich und denkt sich womöglich...
23. Dezember 2019
Zwischen der Werbung für allerletzte Bestellungen zum heiligen Abend im Land der untergehenden Sonne war letztens ein Bild. Ein armselig untergebrachtes Kind war zu sehen. Es gibt Erwachsene in der Nähe. Vater und Mutter vermutlich. Keine gehobene Mittelklasse, untere auch nicht. Prekariat würde ich sagen. Daneben eigenartige Gestalten. Ich denke an den „Tiger von Eschnapur“. Die Fremden auf dem Bild sehen aus wie die Märchenkönige im Film. Nicht wie die Lepra-Kranken, die aus dem...
08. Dezember 2019
Gestern habe ich wieder bei der Arbeit geraucht. Nicht im Büro, um Gottes Willen. Das ist mir zuletzt vor 20 Jahren passiert, als der alte Chef gestorben ist. Ich stehe mit den anderen immer links am Eingang. Ich mache das nicht oft und nicht lang. Auf keinen Fall länger und öfter, als Kolleg*innen mit starkem Harndrang oder schlechtem Lippenstift den Hörer nicht abheben. Zur Toilette gehe ich bei der Arbeit nicht mehr. Da kann mir keiner was am Zeug flicken. Rauchen plus Klo während der...
24. November 2019
Es ist soweit. Ich sehe aus wie meine Mutter. Dabei wusste ich, dass mir das niemals passieren wird. Schlaffes Gelump und strenge Falte. Nicht mit mir. Man weiß viel in jungen Jahren. Das muss dann alles später wieder zurechtgebogen werden. Ein mühsames Unterfangen. Lebenslanges Lernen klingt schöner. Freier Geist, unbändige Neugier und so. Ich kannte mich jedenfalls total aus früher. Wusste genau Bescheid. Die richtigen Jeans, die einzige Band, die beste aller Welten. Im Besitz der...
10. November 2019
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los. Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter...
01. November 2019
Das Deutsch Reich heißt jetzt Fratelli. Man konnte gut bürgerlich essen im Deutschen Reich. Legendär die Schweinslende mit Kroketten und heller Soße. Das Dorf kannte die Köchin persönlich und der Metzger das Schwein. Taufe, Kommunion, Hochzeit und Leichenschmaus wurden dort gefeiert. Das ganze Leben ein Bankett im Deutschen Reich. Man konnte auch zum Klaus gehen. Das war der Wirt vom Deutschen Reich. Zu dem kamen die Handballer nach dem Training. Irgendwann hatte der Klaus aber aus bei...
28. Oktober 2019
Immer diese alten Frauen in der Schlange. Blockieren die Kasse. Mit voller Absicht, möchte man meinen. Schließlich könnten sie auch in der Mittagszeit einkaufen. Oder besser Home Service. Die gefältelten früheren Damen und Hausfrauen kommen in der modernen Welt sowieso nicht mehr zurecht. Werden alle Nase lang umgemöbelt von Fahrrädern, Scootern und den Super Oversize Dingern. Also daheimbleiben, schön fernsehgucken und auf den Enkeltrick reinfallen. Das war jetzt nicht freundlich. Aber...

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