01. August 2020
Dass wir Deutschen nur glücklich sind, wenn wir Probleme haben, dachte ich mir schon. Samer Tannous gibt mir recht. Zusammen mit Gerd Hachmöller, Stabstellenleiter im Landkreis Rotenburg und dort zuständig für Migration und Integration, hat er das Buch geschrieben „Kommt ein Syrer nach Rotenburg (Wümme)“. Herr Tannous kam 2015 mit seiner Familie aus Syrien nach Deutschland. In Damaskus war er Dozent für Französische Sprache und Literatur. Herr Tannous ist ein freundlicher Mensch und...
17. Juli 2020
Es gab eine geheimnisvolle Arbeit im Dorf. Wenn einer raunte „der ist Zapfenpflücker“, nickten alle ehrfürchtig. Ich verstand nur, dass das gefährlich und gut bezahlt war. Wie Heidelbeeren sammeln, nur oben in den Bäumen, stellte ich mir vor. Ansonsten kam mir die Berufswahl so bescheuert vor wie Schiffschaukelbremser oder Kirchendiener. Wieso klettern erwachsene Männer auf Bäume und pflücken Tannenzapfen? War das die waghalsige Antwort der Herren auf tänzelnde Mädchen mit...
24. Juni 2020
Die Gütersloher tun mir leid. Sie dürfen nicht in Urlaub fahren. Eine Zumutung. Gut, dass sie zu Wort kommen in den Nachrichten. Wenigstens können sie dort ihrem Ärger Luft machen. Eine schreiende Ungerechtigkeit ist das alles. Der Landesvater spricht von Stigmatisierung. Recht hat er. Eine ganz Region wird gebrandmarkt, nur weil ein deutscher Unternehmer und 7000 Osteuropäer sich nicht benehmen können. Der Unternehmer nicht, weil er für günstige Schnitzel auf dem Weber-Grill sorgt. Die...
13. Juni 2020
Ich werde misstrauisch, wenn alle dasselbe denken. In meinem Freundeskreis sind wir zum Beispiel sehr einig in vielen Fragen. Sachertorte oder Zitronentarte, Männer mit Bart oder Tolle, Höcke oder Habeck. Das ist bequem, aber verdächtig. Demokratie lebt von der Vielfalt der Meinungen und Geschmäcker. Und wer Bescheid weiß, blendet nur die anderen Bescheidwisser aus. Da muss sich was ändern. Vollends alarmiert bin ich, wenn mir einer mit Wissenschaft, Statistik oder angeblichen...
23. Mai 2020
Gerhard Polt, denke ich. Das muss vom Polt sein. Schon wegen dem „praktisch“. Ein Sketch aus der Zeit, als es noch den Scheibenwischer gab. Aber nein. Ein besorgter Demonstrant ruft es in die Nachrichtenwelt. Er ist in Not, das sieht man. Er hat sofort mein Mitgefühl und keinesfalls die menschenverachtende Häme des Fernsehteams verdient. Ich werde auch fuchtig, wenn mir einer sagt, Spinnen seien harmlose, wichtige und zusätzlich vom Aussterben bedrohte Tiere. Von Hunden ganz zu...
09. Mai 2020
Für gute Geschichten lasse ich regelmäßig alles stehen und liegen. Sie müssen nicht wahr sein, nicht mal wahrscheinlich. Gut reicht. Sie erzählen von Lummerland, Robinson, Käptn Ahab oder vom Käfer Gregor, der am Abend zuvor noch ein junger Mann war. Ist die Geschichte so lala, haben begabte Erzähler ihre Chance. Das sind aber sehr wenige. Einen kenne ich. Wenn der von Behördengängen berichtet, schreibe ich ins Tagebuch: „heute wunderbare Prosa gehört“. Gruselig wird die Story,...
25. April 2020
Eine Auswahl Windbeutel gibt es jetzt auch auf die Hand. "Wo ist hier der Notausgang?" heißt die Sammlung. Ganz normal im Buchladen zu bestellen, direkt neben der Bäckerei. Außerdem ist nun auch Schokolade zu haben: "Facetten von Dunkel" heißt das Sortiment. Ob luftig oder herb - herzlichen Dank dem Baltrum-Verlag für die Umwandlung von Netzgedanken in Drucksachen! Bild: Cover "Wo ist hier der Notausgang?" und "Facetten von Dunkel" / Baltrum-Verlag
17. April 2020
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille - und hört im Herzen auf zu...
10. April 2020
So sieht sie also aus, die globale Katastrophe. Man sitzt am Küchentisch und macht was am Computer. Die Bedrohung geht unter im verklebten Spül, ist versteckt in Bügelbergen. Auf dem dicken Sitzkissen mit Blümchenmuster kann ich kaum glauben, dass da draußen was Schlimmes passiert. Sachen für die Geschichtsbücher sogar, wenn irgendwann alle Daten aufgelesen und sortiert und alle Toten begraben sind. In der heimischen Küche ist die Vorstellung von bösen Dingen sowieso schwierig, finde...
28. März 2020
Rechnerisch und gesellschaftlich könnte die Epidemie ein echter Glücksfall sein. Jedenfalls bei maximaler Kälte in der Vorratskammer für alten Krempel. Werte und so. Ich bete sie nicht alle runter. Man gerät schnell in Verdacht heutzutage. Wer will schon ein trotteliger Gutmensch sein. Für die Zukunft westlicher Gesellschaften könnte die Krise sogar wegweisend sein. Wir werden weniger, jünger und weiblicher. Was will man mehr? Schluss mit den vielen Alten, Kranken und sonstwie...

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