Märchenstunde

 

Priska sah aus wie eine Furie. Selbst wenn sie sich nicht so aufführte. Das lag an den Haaren. Sie waren lang und dick und kraus. Da half auch das Blond nicht. Man musste an die Frau des Monsters in „Frankensteins Braut“ denken. Die schrie irgendwas aus den blutroten Lippen ins Verlies, so dass sich sogar der schlecht vernähte Unmensch erschreckte. Es war gar kein Gefängnis, eine Art Labor im Keller vielmehr, mit allerhand Gerät aus der Alchemistenküche. Es sah aber aus wie ein Kerker. Feucht und kalt und schmutzig war es da unten. Und die Haare standen der Braut zu Berge wegen der elektrischen Ladung, die sie brauchte, um ins Leben zu kommen. Schrie sie, weil keiner sie gefragt hatte, ob sie überhaupt zusammengebastelt werden wollte? Oder weil sie Angst vor ihrem Bräutigam hatte? Wenn sie nicht geschrien hätte, wäre sie ganz hübsch gewesen. Weniger Lippenstift hätte auch geholfen.

 

Priska brauchte keine Stromstöße, um die Haare hochzuzwirbeln, dass alle Kämme brachen und die Mutter mit der Bürste fuhrwerkte, als ob sie Gefährliches vorhätte. Nicht nur einen ordentlichen Zopf ins dornige Gestrüpp pflügen. Das war die tägliche Folter. Sie ertrug sie wütend, aber geduldig. Denn sie wollte schön sein. Damit man nicht gleich sah, wie unbändig sie war. Nicht auf dem Kopf und nicht innendrin. Sie wollte nicht aussehen wie das Rumpelstilzchen, war aber sehr zufrieden, dass sie mit ihm verwandt war. Sie konnte sich selbst mitten entzwei reißen und dann wieder hübsch zusammensetzen. Priska konnte auch Menschen in Hasen verwandeln oder in Kellerasseln und wieder zurück. Sie versetzte ganze Berge, wenn sie im Weg standen. Manche sagten deshalb „Hexe“ zu ihr. Nicht laut, sie wollten kein Risiko eingehen.

 

Priska hatte auch schlechte Tage. Wenn die Mutter ihr schwere Verbrechen anhängen wollte und die Schokolade wegsperrte. Nur weil sie ins Sauerkrautfass gestiegen war, um zu gucken, ob das eklig ist. Oder weil sie einen Lippenstift in der Drogerie mitgehen ließ. Dabei sollte das ein Geschenk für die Lehrerin werden. Ohne Schokolade ging nichts. Gerade jetzt.

 

Priska wollte nämlich den Hans verwandeln. Er sollte nicht immer weggucken. Er sollte zu ihr kommen auf dem Schulhof und ihr sagen: „Wollen wir nachher ein bisschen spazieren gehen?“ Vor allen anderen. Vor der Margot vor allem. Priska wusste genau, was die im Schilde führte. Vielleicht hätte der Hans einer Zigarette in der Hand. Aber da war sie sich nicht sicher. Ohne Zigarette ginge auch. Er sollte ja keinen Ärger bekommen. Andererseits musste er sich endlich mal was trauen. Sonst würde das mit ihrer Hochzeit nie was werden.  

 

Priska wusste, dass die Hochzeit dem Vater nicht recht wäre. Der Vater sah immer nur auf die falschen Sachen. Geld, Anstand und gebügelte Hosen. Weiter sehen konnte er nicht. Halb blind der Mann. Und die Mutter völlig umnachtet und stocktaub dazu. Aber es nützte ja nichts.

 

Sie musste die Sache selbst in die Hand nehmen und den Hans retten. Und so geschah es. Priska musste sich dieses Mal sehr viel Mühe geben. Doch am Ende hat sie gesiegt. Sie war glücklich.

 

Priskas Turmfrisur passte nicht ganz auf das Hochzeitsfoto. Der Bauch auch nicht.

 

Collage: Susanne

 

 

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