Kulturland

Mit der Kultur ist es so eine Sache. Die einen finden es schon kultiviert, mit Messer und Gabel zu essen. Andere meinen damit Bach oder Shakespeare. Das eine ist Jil Sander: „Kleidung ist selbstverständlich ein Ausdruck von Kultur.“ Das ist praktisch. Das andere ist Goethe: „Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“ Das ist weltfremd.

 

Das eine ist vermutlich so wahr wie das andere. Und genauso beschränkt. Jeder grenzt sich ab, so gut er kann. Von einem gedachten Unten am allerliebsten. Von Freizeitkultur, Volkskultur, Fankultur. Von Jogginghosen, Popsongs und Cheerleadern. Von Vereinskultur und ungehobelten Gesellen. Schach ok, aber Doppelkopf? Anna gern, aber Helene?

 

Kultur wird jedenfalls nicht im Kultusministerium erfunden und dann in der Schule oder beim Rewe unter die Leute gebracht. Nicht mal im Bio-Laden, denke ich. Kultur gibt es in Deutschland seit Ende des 17. Jahrhunderts. Als Wort. Kultur an sich wird auch vorher schon stattgefunden haben. Zumindest wenn damit Landwirtschaft gemeint ist. Das bedeutet das lateinische Cultura zunächst: Bebauen, Pflegen, Urbar-Machen. Im Gegensatz zur vorgefundenen Natur. Später wird damit auch die Pflege geistiger Fähigkeiten bezeichnet. Was sich der Mensch alles so ausdenkt, sagt und tut. Da das allerhand Zeugs ist und nicht nur in Europa vorkommt, spricht man jetzt von Kulturen.

 

In diesem Sinn ist fast alles Kultur, was nicht Notdurft ist: Fußball und Religion, Wissenschaft und Minigolf, Anna Netrebko und Mario Barth, Prostitution und Kirchenchor, Jim Knopf und King Lear, Schwimmbad und Weihnachten.

 

Wer hierzulande beiläufig von Kunst und Kultur salbadert, meint aber meistens nur die paar Höchstleistungen in Theater, Oper und Art House Kino. Dabei findet Kunst und Kultur automatisch statt. Weil der Mensch nicht anders kann, vor allem, wenn er in Gesellschaft ist. In der oberschwäbischen Höhle vor 14.000 Jahren genauso wie in der Elbphilharmonie heute. Natürlich ist das schöpferische Werkeln unbeschwerter ohne Zensur und Schikane. Dafür mit Wohlwollen und öffentlichem Geld. Obwohl. Manche behaupten, das viele Geld führe nur zu „Systemrelevanz“, weil die Drehbühne so teuer war und wegen Mozart rauf und runter. So wie sich der 70-jährige Bildungsbürger mit Gattin das eben vorstellt. Die Bedeutung von Kunst und Kultur entsteht bei uns auf alle Fälle nicht durch wagemutige Experimente oder gar total nervige Systemkritik.

 

Wir Deutschen leben kulturell sowieso auf der Insel der Glückseligen mit bewilligtem Förderungsbescheid. Es gibt ungefähr 80 Opernhäuser im Land. In Frankreich und Großbritannien vielleicht je ein Dutzend. Wir haben hier ca. 130 Orchester. Die MusikerInnen sind festangestellt und werden ordentlich bezahlt. In der Spielzeit 2017/18 wurden Theater und Orchester deutschlandweit mit knapp 3 Milliarden Euro bezuschusst. Das ist alles schön und gut und wichtig. Und für die SteuerzahlerInnen nicht schlimm. Im Haushalt der Stadt Köln für 2019 waren 5 % für Kultur und Wissenschaft vorgesehen. Das ist nicht gerade verschwenderisch viel. Die sogenannten frei, also prekär schaffenden Künstlerinnen können sich dafür allerdings nichts kaufen.

 

Die Schließung der Tempel für Kunst und Kultur ist eine Katastrophe, natürlich. Für die KünstlerInnen vor allem. Von Beleuchtern, Tontechnikerinnen, Lichtexperten, Servicepersonal undsofort ganz zu schweigen. Aber ist das schlimmer als das geschlossene Lokal für den Gastwirt? Sind KünstlerInnen die wichtigeren Menschen? Und Kunstbeflissene die besseren? Hmm, ich weiß es nicht. Überzeugt bin ich allerdings davon, dass die Kunst unsterblich ist.

 

Es sei denn, die Cancel Culture macht ihr den Garaus. Also die Ächtung missliebiger Kabarettisten, Schriftstellerinnen und Maler.

 

 

 

Quellen: wikipedia, Deutscher Bühnenverein, Stadt Köln

 

Collage: Maren Lüdecke

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0