Sorry

Es tut mir furchtbar leid, aber diese Mode verstehe ich nicht: Neuerdings wird öffentlich um Verzeihung gebeten, dass es eine Pracht sein könnte. In alle Richtungen geht das.

 

Vorwärts in die Zukunft schaute schon im April 2020 Herr Spahn: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Sorry, aber was meint der Mann? Dass wir, Du und ich, andere Menschen angesteckt haben? Dass sie, der Jens und die Angela, falsche Entscheidungen getroffen haben werden?

 

Rückwärts hat sich neulich Herr Laschet entschuldigt: bei den Frauen, die in der Silvesternacht 2015 am Kölner Hauptbahnhof massenhaft sexuell attackiert wurden. Obwohl er damals weder in Köln noch in der nordrhein-westfälischen Landesregierung verantwortlich war. Ist der Laschet schuldbewusst, weil der Armin gut versteht, dass Männer gern über die Stränge schlagen, wenn es die Situation hergibt? Nein, pardon, das ist sehr ungerecht und gemein. Bestimmt bittet er nur um Vergebung, weil da plötzlich so viele fremde junge Männer aufgetaucht sind. Das hätte man doch früher im Jahr verhindern können. Wenn Angela nicht so übergriffig gewesen wäre mit ihrer Entscheidung und ihrem gnadenlosen Pastorenherz.

 

Seitlich, Richtung priesterliches Kollegium und von der Kanzel aus nach unten, hat jüngst sogar Kardinal Woelki um Verzeihung gebeten. Man stelle sich vor! Nicht für den traditionellen Missbrauch Minderjähriger im Schoß der heiligen katholischen Kirche, versteht sich. Für die schlimme Kritik an seinem Club und an seiner Person höchstselbst entschuldigt er sich bei den Gläubigen. Die sind jetzt ganz verstört und brauchen Trost, denkt er sich. Ich denke an Vergeltung. Dann an den Rechtsstaat. Der ist allerdings nicht deckungsgleich mit dem Kirchenrecht.

 

Vielleicht wollen die christlichen Herren, zwei davon wenigstens demokratisch gewählt, es nur und endlich dem Willy Brandt zeigen? 50 Jahre nach dessen Kniefall in Warschau. Schließlich ist Wahl dieses Jahr. Frau Merkel geht dann in Rente. Aber sie hat leider doch einiges verändert in ihrer unsentimentalen Art als Staatsmännin. Wenn sie wenigstens das übliche Frauentheater machen würde, mit Pieps in der Stimme und kurz vor Schluchz. Aber nein, sie bedauert und bittet um Entschuldigung, als ob sie einen leichten Sommersalat mit Putenstreifen bestellen würde. Um Satisfaktion bittet sie jedenfalls nicht, nicht wie früher die rachelüsternen Duellanten und heutigen Potentaten mit seitlichem Eingriff. Tschuldigung für den textilen Ausdruck. 

 

Verzeihung, tut mir wirklich sehr leid – das ist menschlich und des Sünders Hoffnung auf Freispruch. Muss ja, morgen früh wartet höhnisch der Spiegel. Aber eine politische Kategorie ist die Entschuldigerei nicht.

 

Niemand weiß das besser als Donald the Triumph. Es täte zwar gut, wenn er was täte für unsere Schadenfreude: Sorry, aber die letzten Wochen waren ein bisschen viel für mich. Ihr versteht. Und das mit meinen Fans und dem Kapitol dieser Tage, vielleicht ein bisschen speziell, aber auch toll. Also nein, es wäre sehr unfair, mich zu einer Entschuldigung zu zwingen, nur weil meine Leute Amerika lieben.

Eine ehrlich Haut der Mann, muss man schon sagen.

 

Meine Oma würde sagen "es kommt immer darauf an". Es kommt darauf an, wer sich wann, wofür und warum entschuldigt. Ich warte zum Beispiel darauf, wann sich wer entschuldigt für das unnötige Elend der Geflüchteten in Griechenland, Bosnien und anderswo in Europa. Vom Rest der immer wärmer werdenden Welt ganz zu schweigen. Und dann kommt es darauf an, wann wer was tut.

 

 

Foto Susanne: Vorhang Haus Gotland

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Doris (Donnerstag, 07 Januar 2021 12:06)

    Hast den Nagel auf den Kopf getroffen.